Performativer Zwischenkörper am Donaukanal in Wien
  Städtebauliche Situation
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Ausgangsstruktur: Zwischenkörper Riff
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Momentaufnahme: Riff in Progress
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Das lineare und das interessante Leben
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ENGLISH VERSION see below ...

performative Stadtstruktur am Donaukanal in Wien, 2003
Abschnitt: U-Bahnstation Roßauerlände bis Uraniakino am Julius-Raab-Platz Länge: 1.330 m

Mitarbeit und Intervention: Dipl. Ing. Martin Murero

Die Ausgangsstruktur wurde von Martin Murero exemplarisch weiterbearbeit.

"Little Monaco" ist ein gewundener Parcour für verschiedene Rennveranstaltungen vom Go-Cart bis zum Roller-Skaten...


"Wie Nebel breite ich mich aus zwischen den Personen, die ich am besten kenne."
(Virginia Woolf)

Das "Riff" ist eine dichte, Raum schaffende Struktur für den Abschnitt der Uferpromenade entlang des Donaukanals zwischen Schwedenplatz und der "Summerstage" im Bereich der Roßauerbrücke. Nicht mehr Landschaft und noch nicht Architektur, ähnelt es dem "Zwischenwesen" Korallenriff, dessen biologische Identität zwischen Tier und Pflanze angesiedelt ist. In Gestalt eines verschlungenen Dickichts erweitert es als performativer ZwischenRaum die Kulturlandschaft der Uferpromenade durch Seitenwege, Stellen, Lichtungen, Unterschlupfe und Plätze. Die hektischenVerkehrsströme zu beiden Seiten des Donaukanals brechen sich am "Riff", die Bewegungen der StadtbewohnerInnen verzögern sich im Gewirr des Riffgeflechts in gelöstes Dahinschlendern. Die angespannte Zielgerichtetheit urbanen Treibens verwandelt sich in genussvolles Für-sich-sein, in zweckbefreites Flanieren. Hat man sich erst einmal im Riff verfangen, vergisst man die Liste der noch zu erfüllenden Erledigungen und lässt sich von den vielfältigen Angeboten des Raumprogramms verführen. Dabei handelt es sich um Funktionen, die über die reine Notwendigkeit individueller Selbstreproduktion hinausgehen und den Mehrwert kulturellen Lebens einer Stadt darstellen: Entspannungsräume, Alphazonen, in denen die Gehirnströme auf ihre angenehmste Wellenlänge gebracht werden, aber auch Proberäume, Debattierräume, unüberwachte Ecken, Räume zum Toben und Experimentieren genauso wie adiaphorische Genussräume, in denen kulinarische Kostbarkeiten aus europäischen Städten entlang der Donau angeboten werden. Die Bespielbarkeit der Räume verändert sich saisonal. Die wechselnden MieterInnen erweitern die Raumgefüge, bauen an und reißen weg. Eventuelle Konflikte werden nicht vorauseilend entschärft, sondern als integrativer Bestandteil urbanen Lebens behandelt. Die Platzierung dieses architektonischen Dickichts entlang der Uferpromenade des Donaukanals evoziert einen sich ständig bewegenden, angereicherten "DonauRaum", eine urbane Kulturlandschaft, veränderlich und geheimnisvoll wie Nebel.

Promenade Akzidental

Die Stadt Wien erteilt die Verfügungsgewalt über das gesamte Areal des Riffs an ein "Consortium Akzidental”, welches die Einhaltung und die Verwaltung der im Riff geltenden Regeln übernimmt. Die Partizipation derer die das Riff bespielen wollen ist an die Einhaltung der Regeln gebunden, die festgelegt wurden. Wechsel und Selbsterneuerung sind die konstitutiven Momente des Geschehens im Riff.

Auszug aus dem Code Akzidental:

10% der Platzflächen und Raumvolumen dürfen maximal 24 Stunden genutzt werden. Wer sie einmal in Anspruch genommen hat, verpflichtet sich, sich zweitreihen zu lassen.

10% der Platzflächen und Raumvolumen dürfen maximal 1 Woche genutzt werden. Wer sie einmal in Anspruch genommen hat, verpflichtet sich, sich zweitreihen zu lassen.

10% der Platzflächen und Raumvolumen dürfen maximal 1 Monat genutzt werden. Wer sie einmal in Anspruch genommen hat, verpflichtet sich, sich zweitreihen zu lassen.

10% der Platzflächen und Raumvolumen dürfen maximal 1 Jahr genutzt werden. Wer sie einmal in Anspruch genommen hat, verpflichtet sich, sich zweitreihen zu lassen.

10% der Platzflächen und Raumvolumen sind im herkömmlichen Sinne SINNLOS und ohne Funktion. Sie sind als präsentischer Raum gedacht, dessen Existenz mit dem Aufkommen und Verschwinden ‚räumlichen Handelns’ verbunden ist.

Was an das "Riff" durch die aktuellen Benutzer angebaut wurde, darf durch die Folgebenutzer wieder entfernt werden.

Das Areal des "Riffs" ist steuerfrei. Strom-, Gas-, Kanal- und Schneeräumungsgebühren etc. müssen jedoch an die Stadt entrichtet werden.

Die Bauordnung ist größtenteils aufgehoben. Die Durchwegung muss gewährleistet bleiben. Lichtraumprofile und feuerpolizeiliche Vorschriften werden den topografischen Umständen (z.B. unmittelbare Wassernähe) angepasst.

Die Betreiber des "Riffs" zahlen keine Miete, und verpflichten sich dafür, die Tätigkeit des "Consortium Akzidental" zu finanzieren.

Der "Code Akzidental" wird nach jedem Jahresdurchlauf auf seine Tauglichkeit geprüft und entsprechend neuen Erfahrungen laufend erneuert. Es gibt keine endgültige Version des "Code Akzidental".
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Der Code Akzidental bezieht sich programmatisch auf das Konzept DYNAMISCHES LABYRINTH, das von den drei Schweizer Architekten Hannes Stiefel, Thomas Kramer und Reto Pfenninger 2001 für einen Wettbewerb entwickelt wurde. Siehe dazu den programmatischen Text auf der Webpage www.stiefelkramer.com unter "projects-2001"


Text: Klaus Stattmann


ENGLISH VERSION:

"Reef Vienna Phase 1"

performative interstructure along the Uferpromenade beside the Danube Canal (length: 1.3 km), 2003

"Where rescue is to be found, peril also increases, reasoned the shadow, who was enjoying the journey more and more; now listen: ...”
(Friedrich Nietzsche, from "Menschliches,
Allzumenschliches" [Human, All Too Human])

In its form reminiscent of a tangle of undergrowth, the performative ‘interspace’ "Reef” adds to the cultural landscape of the promenade along the bank of the Danube Canal with sideroads, spots, clearings, shelters and squares. While on both sides of the Danube Canal hectic streams of traffic rush by, the movement of city dwellers slows to an aimless saunter within the complex tangle of the "Reef” . Once ensnared by the "Reef”, the list of things-to-do is forgotten and the tense purposefulness of everyday working life dissolves into a pleasurable enjoyment of one’s own company. Contrary to expectations about consumer-friendly and user-friendly zones devoted to the public, in the "Reef” one must be prepared to deal with more ‘roundaboutness’ than elsewhere. As far as coping with its spatial relationships is concerned, the "Reef” ranges from challenging to intractable; its users have to conquer it and transform it into ‘their own space’. The degree to which its various interspaces may be acted on changes continually and is regulated by the "Accidental Code”. Successions of users expand the spatial structure, add on and tear away. Potential conflicts are not anticipated and defused, but rather are treated as an integral part of urban life. Functions arise which go beyond the pure necessity of individual self-reproduction and which constitute the added value of cultural life in the city: spaces for relaxation, points of access to spaces for unspecified purposes, alpha zones (in which brainwaves achieve their most comfortable frequency), but also spaces for rehearsing, stages, spaces for debating, unmonitored nooks, spaces for being wild and for experimenting, as well as adiaphoric spaces of enjoyment where culinary delights from various European cities along the Danube are offered. The "Reef” evokes an enriched ‘Danube Region’ that is in constant motion, an urban cultural landscape, as changeable and mysterious as fog.

Accidental Code

The City of Vienna grants the right of disposal for the entire area of the Reef to the Accidental Consortium. This consortium is authorized to maintain and administrate the Reef according to a certain code of regulations, the Accidental Code. Change and self-renewal are the constitutive factors of happenings in the Reef.

Excerpt from the Accidental Code:

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10% of the surface area and space volume may be utilized for a maximum of 24 hours. Anyone who has used such an area once agrees to being given secondary consideration for subsequent allocations in this category.

10% of the surface area and space volume may be utilized for a maximum of 1 week. Anyone who has used such an area once agrees to being given secondary consideration for subsequent allocations in this category.

10% of the surface area and space volume may be utilized for a maximum of 1 month. Anyone who has used such an area once agrees to being given secondary consideration for subsequent allocations in this category.

10% of the surface area and space volume may be utilized for a maximum of 1 year. Anyone who has used such an area once agrees to being given secondary consideration for subsequent allocations in this category.

10% of the surface area and space volume are, in the conventional sense, PURPOSELESS and without function and are intended as temporary space, the existence of which is associated with the appearance and disappearance of ‘spatial action’.

Anything that is built onto the Reef by a current user may be removed by a subsequent user.

The Accidental Code was influenced by the conept DYNAMISCHES LABYRINTH outlined by the Swiss architects Hannes Stiefel, Thomas Kramer and Reto Pfenninger for a competition in 2001. See the programmatic text on their homepage www.stiefelkramer.com in the section "2001-projects".

Text: Klaus Stattmann

www.stiefelkramer.com
www.angelikafitz.at